Das Projekt

Ergebnisse des Projekts

Im Mai 2005 traf sich der Arbeitskreis zur Erforschung nationalsozialistischer "Euthanasie" und Zwangssterilisaton in Prag. Die dabei gehaltenen Referate wurden, zum Teil umfassend erweitert und ergänzt, im Jahr 2008 publiziert.

Inhaltsverzeichnis

Šimůnek/Schulze (Hrsg.)
Die nationalsozialistische "Euthanasie" im Reichsgau Sudetenland und Protektorat Böhmen und Mähren 1939-1945

Die "Euthanasie"-Vernichtungsanstalt Pirna-Sonnenstein in Sachsen und die Ermordung von psychisch kranken und behinderten Menschen aus dem Reichsgau Sudetenland (1940–1941)

Boris BÖHM

Der Reichsgau Sudetenland mit über 50 Einrichtungen zur Betreuung psychisch Kranker und geistig Behinderter sowie alter und pflegebedürftiger Menschen wurde im Gegensatz zum Protektorat Böhmen und Mähren in die "Aktion T4" einbezogen. Der Reichsgau Sudetenland gehörte zum Einzugsgebiet der "Euthanasie"-Anstalt in Pirna-Sonnenstein.
Für etwa 5.000 Psychiatriepatienten und Heimbewohner wurden in den Jahren 1940 und 1941 Meldebögen der "T4"-Zentrale ausgefüllt.
Insgesamt 237 Patienten, die man im April 1941 aus den Gau-Heil- und Pflegeanstalten Troppau [Opava] und Sternberg [Šternberk na Moravě] in die Zwischenanstalt Zschadraß deportierte, wurden zwischen Mitte Mai und Anfang Juli 1941 auf dem Sonnenstein ermordet.
Mit relativer Sicherheit kann auch von Direkttransporten aus den Anstalten Troppau [Opava] im Dezember 1940 und Sternberg [Šternberk na Moravě] im Mai 1941 in die Tötungsanstalt Sonnenstein ausgegangen werden. In die Verlegungstransporte wurden entgegen der offiziellen Festlegung auch tschechische Patienten einbezogen.

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Die Ermordung von psychisch kranken und behinderten Menschen in der "Euthanasie"-Vernichtungsanstalt Hartheim in Oberösterreich (1940-1942)

Brigitte KEPPLINGER

Schloss Hartheim ist ein Renaissance-Bau aus dem frühen 17. Jahrhundert. Ende des 18. Jahrhunderts gelangte das Schloss in den Besitz der Familie der Fürsten von Starhemberg. Im Jahre 1896 übergab der damalige Besitzer Camillo Fürst Starhemberg das Schloss als Schenkung an den "Oberösterreichischen Landeswohltätigkeitsverband", gegründet im Jahr 1892.
Zwei Jahre später errichtete der Landeswohltätigkeitsverband ein, wie es gemäß dem damaligen Sprachgebrauch hieß, "Heim für Schwach- und Blödsinnige, Cretinöse und Idioten". Diese Betreuungsstätte für geistig und mehrfach behinderte Menschen wurde bis zum Beginn des NS-Euthanasieprogramms von Angehörigen des Ordens der "Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vinzenz von Paul" betrieben.
Der "Oberösterreichische Wohltätigkeitsverband" wurde am 10. Dezember 1938, nicht ganz neun Monate nach dem "Anschluss" — der Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich — entsprechend den neuen Vereinsgesetzen aufgelöst. Im Februar 1939 wurden das Schloss Hartheim, der dazugehörige Gutshof sowie das Inventar von den NS-Behörden beschlagnahmt und kamen in den Besitz der "Gauselbstverwaltung Oberdonau". Zu dieser Zeit lebten und arbeiteten im Schloss 191 Menschen mit Behinderung sowie 17 Ordensschwestern.
Im selben Jahr wurde Schloss Hartheim als Ort einer Tötungsanstalt im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms "T4" ausgewählt und im März 1940 brachte man die Insassen in andere oberösterreichische Einrichtungen. In den darauf folgenden Wochen wurden im Schloss die nötigen Umbauarbeiten vorgenommen, um den Massenmord an psychisch kranken und behinderten Menschen (und später an KZ-Häftlingen) mittels Gas durchführen zu können. Die ersten Transporte mit Opfern erreichten Schloss Hartheim im Mai 1940. Sie kamen aus Einrichtungen und Kliniken der Region, unter ihnen war auch eine größere Anzahl von ehemaligen Bewohnern des Schlosses.
In den Jahren 1940 bis 1944 arbeiteten teilweise bis zu 70 Personen gleichzeitig im Schloss. An der Durchführung des Massenmords waren Bürokräfte, Verwaltungs- und Sicherheitsbeamte ebenso beteiligt wie Pfleger, Krankenschwestern, Chauffeure und Hausmeister. Nach 1945 wurden nur wenige von ihnen vor Gericht zur Verantwortung gezogen. Der Leiter der Tötungsanstalt Hartheim war der Psychiater Dr. med. Rudolf Lonauer, geboren in Linz. Er fungierte auch als Direktor der psychiatrischen Klinik Niedernhart in Linz. Die Transporte aus verschiedenen Einrichtungen in Bayern, dem vormaligen Österreich, aus einigen Teilen des heutigen Sloweniens und der Tschechischen Republik wurden zumeist mit der Eisenbahn, in manchen Fällen mit Bussen durchgeführt. Der größere Teil der zur Vernichtung vorgesehenen Menschen kam zuerst in die nahegelegene Anstalt Niedernhart, einen kleineren Teil brachte man vom Bahnhof direkt nach Hartheim. Aus der Anstalt Niedernhart brachte man sie je nach "Kapazität" nach einigen Tagen mit Bussen nach Hartheim, wo sie binnen weniger Stunden nach ihrer Ankunft durch Kohlenmonoxid getötet wurden. Dr. Rudolf Lonauer ermordete auch in seiner Klinik hunderte Patienten mit Medikamenten, die meisten von ihnen nach dem offiziellen Stopp der "Aktion T4" im August 1941. Er beging am 5. Mai 1945 zusammen mit seiner Frau Selbstmord. Zuvor hatte das Ehepaar Lonauer die beiden Kinder vergiftet.
Während der "Aktion T4" in den Jahren 1940–41 wurden über 18.000 Menschen in Hartheim getötet. Nach dem erwähnten Stopp im August 1941 ermordete man dort bis zu 10.000 kranke und arbeitsunfähige Häftlinge aus den KZ Mauthausen, Gusen und Dachau, sowie Zwangsarbeiter.
Ende 1944 mussten Häftlinge des KZ Mauthausen die Tötungseinrichtungen entfernen, auch wurden nahezu alle Unterlagen und Dokumente verbrannt. Im Juni 1945 nahm schließlich ein Team der US-Army zur Aufklärung von Kriegsverbrechen die Untersuchungen in Hartheim auf.

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Die "Aktion T4" im Reichsgau Sudetenland am Beispiel der Gau-Heil- und Pflegeanstalten in Sternberg [Šternberk na Moravě], Troppau [Opava] und Wiesengrund bei Pilsen [Dobřany u Plzně] auf Basis des Bestandes R179 (1939–1941)

Stephanie SCHMITT — Petra FUCHS — Gerrit HOHENDORF — Maike ROTZOLL — Annette HINZ-WESSELS — Paul RICHTER

Die Rahmenbedingung für die politische und organisatorische Durchsetzbarkeit der "Aktion T4" in den sudetendeutschen Gebieten der Tschechoslowakei waren durch die Angliederung der 1938 durch die Münchener Konferenz abgetrennten Gebiete an das Deutsche Reich gegeben.
Wie auch im übrigen Reich erfolgte die Erfassung und Selektion der sudetendeutschen Anstaltsinsassen, nach 1938 reichsdeutschen Staatsbürger, durch die zentral organisierte Meldebogenaktion. So ist der wesentliche Anteil der Patienten aus den sudetendeutschen Anstalten Wiesengrund, Sternberg und Troppau von der Berliner "T4"-Zentrale erfasst und begutachtet worden.
Die selektierten Patienten aus den drei großen sudetendeutschen Anstalten, die der Gauselbstverwaltung unterstanden, wurden in Sammeltransporten, via Zwischenanstalt, bzw. direkt einer Tötungsanstalt zugeführt, um dort "desinfiziert", d. h. mittels Kohlenmonoxyd ermordet und eingeäschert zu werden.
Der ersten Phase der nationalsozialistischen Krankenmordaktion, der "Aktion T4", fielen auf dem Territorium des Deutschen Reiches in den Jahren 1940 und 1941 über 70.000 Anstaltsinsassen zum Opfer, während der nationalsozialistische Krankenmord insgesamt, also die "Aktion T4" 1940–41, die "dezentrale Euthanasie" 1941–45, die "Aktion Brandt" und die "Aktion 14f13" in den Jahren 1939–1945 über 216.000 Opfer forderte.
Etwa 300 im Bestand R179 des Bundesarchives Berlin erhaltene Krankenakten dieser in der "Aktion T4" zum Opfer gefallenen Anstaltspatienten aus Sternberg [Šternberk na Moravě], Troppau [Opava] und Wiesengrund [Dobřany u Plzně] sind zum Zweck einer dezidierten Auswertung bezüglich des räumlichen und zeitlichen Ablaufs der nationalsozialistischen "Euthanasie" 1940–41 ausgewertet worden. Gegenstand dieses Aufsatzes ist die Rekonstruktion der möglichen Verlegungswege und -daten, sowie die Gewichtung der Selektionskriterien im Rahmen der "Aktion T4". In den Fließtext eingearbeitete Fallbeispiele ermordeter Patienten sollen die Möglichkeit bieten, Patienten aus der anonymen Masse der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Opfer herauszuheben.

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Planung der nationalsozialistischen "Euthanasie" im Protektorat Böhmen und Mähren im Kontext der Gesundheits- und Bevölkerungspolitik der deutschen Besatzungsbehörden (1939–1942)

Michal ŠIMŮNEK

Die Ausweitung der nationalsozialistischen "Euthanasie" auf das Gebiet des Protektorats Böhmen und Mähren hing in erster Linie vom Kriterium der Volks- und Rassenzugehörigkeit ab. Anknüpfend daran sollte in den Jahren 1939–42 die Behandlung der einzelnen Patienten bzw. Patientengruppen, die in insgesamt 25 psychiatrischen Heilanstalten und Einrichtungen auf dem Gebiet des Protektorats untergebracht werden, diversifiziert werden.
Während erwachsene Patienten mit tschechischer Volks- bzw. Protektoratszugehörigkeit von der "Aktion T4" völlig ausgeschlossen bleiben sollten, sollte diese wiederum mehrere Hundert Patienten mit deutscher Volkszugehörigkeit aus Protektorat einschließen, und zwar unter dem Vorwand, die Pflege unter der deutschen Verwaltung zu vereinigen. Dabei sollte die Landesanstalt in Kosmanos [Kosmonosy] eine zentrale Rolle spielen. Nach der Überführung der Anstalt in die sudetendeutsche Gauselbstverwaltung wurde im November 1940 ein deutscher Direktor (K. Bergl) mit ihrer Leitung beauftragt. Dieser war auch der Vertraute mit dessen Hilfe der Emissär der "T4"-Zentrale (C. Schmalenbach) im Sommer 1941 die Erfassung der deutschen Patienten im Protektorat durch Meldebogen durchführte und Transporte vorbereitete. Diese wurden bis zum Ende der organisierten Phase der "Aktion T4" im August 1941 komplettiert, obwohl sie schließlich nicht durchgeführt wurden; ihr Ziel wäre vermutlich Pirna-Sonnenstein gewesen.
Trotzdem wurden von 1939 bis 1941 zahlreiche Patienten mit der tschechischen Volkszugehörigkeit, die nach Oktober 1938 in den Heil- und Pflegeanstalten des Sudetengaues in Sternberg [Šternberk na Moravě], Troppau [Opava] und Wiesengrund [Dobřany] geblieben waren, Opfer der "Aktion T4".
Die Absicht, die "Kinder- und Jugendlicheneuthanasie" im Sinne des Reichsauschusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden", d. h. Kanzlei des Führers (KdF), auf das Gebiet des Protektorats zu erweitern, ist für die Sommermonate 1942 belegt. Gemäß den Vorstellungen der KdF sollte es sich dabei um Kinder deutscher sowie tschechischer Volkszugehörigkeit bzw. um Kinder aus gemischten deutsch-tschechischen Familien handeln. Im Kontext der NS-Germanisierungs- und Bevölkerungspolitik sollten diese jedoch aufgrund der Entscheidung des Staatssekretärs Karl H. Frank (1898–1946) ausgenommen werden. Ob und in welchem Umfang dies bis zum Kriegsende der Fall war, bleibt eine Frage der Forschung.
Zu dieser Zeit wurden die Heil- und Pflegeanstalten im Protektorat in die langfristigen Planungsarbeiten der Berliner "T4"-Planungskommisson aufgenommen.
Franks Schlüsselentscheidung sowie die Beteiligung seiner Dienststelle an der Vorbereitung der Transporte deutscher Patienten im Jahr 1941 weist auf eine unersetzliche Position sowie auf die Verantwortung der lokalen Besatzungsstellen bei der Vorbereitung der nationalsozialistischen "Euthanasie" hin. Auch die Rolle der Vertreter der deutschen Verwaltung vor Ort auf der Ebene der mittleren staatlichen Gesundheitsverwaltung war von keiner geringeren Bedeutung.

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Jüdische geisteskranke Patienten aus dem Protektorat Böhmen und Mähren zwischen nationalsozialistischer "Euthanasie" und Holocaust (1939–1945)

Tomáš FEDOROVIČ

Ähnlich wie in Deutschland wurden auch Patienten jüdischer Herkunft aus dem Gebiet des Reichsgaus Sudetenland sowie "Protektorats­Juden" deutscher Volkszugehörigkeit in den Jahren 1939–41 in die Transporte im Rahmen der "T4-Aktion" eingeschlossen; es handelte sich schätzungsweise um mehrere Dutzend Patienten. Im Rahmen der "Aktion T4" weisen das sächsische Pirna-Sonnenstein und das oberösterreichische Hartheim die höchste Anzahl von Opfern aus den böhmischen Ländern auf. In diese Anstalten wurden die Patienten entweder über die österreichischen Anstalten Ybbs oder Wien-Steinhof oder über die sudetendeutsche Gau-Heil- und Pflegeanstalt in Wiesengrund [Dobřany] überführt.
Die Mehrheit der Protektoratspatienten jüdischer Herkunft blieb jedoch von der "T4-Aktion" verschont. Ähnlich wie die übrige jüdische Bevölkerung im Protektorat wurde diese Gruppe schrittweise von den nichtjüdischen Patienten segregiert. In den einzelnen Protektoratsanstalten entstanden nach Möglichkeit sog. Juden-Abteilungen, um die betroffenen Personen später in nur zwei Protektoratsanstalten gezielt konzentrieren zu können. Für die Patienten aus Böhmen war die Landesanstalt in Prag-Bochnitz [Praha-Bohnice] zuständig, für die Patienten aus Mähren war dies seit 1941 die Landesanstalt in Kremsier [Kroměříž]. Neben den staatlichen Anstalten befanden sich Patienten jüdischer Herkunft auch in einigen kirchlichen Anstalten (Víceměřice, Kelčice) sowie in den direkt von der Jüdischen Kultusgemeinde in Prag betriebenen Häusern. Zu den bedeutendsten Einrichtungen zählte das "Heim für Schwachsinnige" in Prag-Tiefenbach oder aber das "Schwachsinnigenheim" in der Dlouhá-Straße in Prag.
Seit 1941 betrachteten die zuständigen nationalsozialistischen Dienststellen (Zentralstelle für jüdische Auswanderung, RSHA der SS, Amt des Reichsprotektors usw.) die "Lösung" des Problems der jüdischen geisteskranken Patienten im Rahmen der "Endlösung der Judenfrage" im Protektorat. Dies bedeutete eine Deportation dieser Patienten nach Theresienstadt [Terezín] bzw. weiter in die besetzten Ostgebiete. Mehrere Hundert Patienten jüdischer Herkunft starben in den Anstalten, noch bevor die Deportationen der jüdischen Bevölkerung aus dem Protektorat begannen.
Insgesamt 322 Patienten jüdischer Herkunft wurden für die einzelnen Deportationstransporte eingeteilt. Die Entscheidung, welche Anstalt an der jeweiligen Deportationswelle teilnehmen würde, trafen die zuständigen deutschen Dienststellen. Als erstes wurden die in Kremsier konzentrierten Patienten ins Ghetto Theresienstadt [Terezín] überführt und zwar überwiegend im März, April und Juni 1942. Aus der Anstalt in Prag-Bochnitz wurden die meisten jüdischen Patienten im Juli 1942 ins Ghetto Theresienstadt überführt. Das Schicksal der Patienten teilten auch ihre Ärzte und Pfleger jüdischer Herkunft.
Im Ghetto Theresienstadt waren mit den ehemaligen Patienten vor allem die Räumlichkeiten der Kavalierkaserne verbunden. Laut den meisten Augenzeugen handelte es sich um eines der schlimmsten Häuser im Ghetto, das für eine dauerhafte Bewohnung, geschweige denn die Errichtung einer psychiatrischen Abteilung ungeeignet war. An der Spitze der Abteilung stand MUDr. Artur Schönfeld.
Falls die Patienten den Aufenthalt im Ghetto Theresienstadt überstanden, wurden sie kurz nach ihrer Ankunft in Osttransporte ein­geteilt. Beinahe 55% von ihnen wurden erschossen oder in mobilen Gaskammern in der Umgebung von Maly Trostinez in Weißrussland ermordet. Einer der ersten Transporte überhaupt, in dem auch Geisteskranke vertreten waren, ging nach Łódz [Litzmannstadt]. Von den Deportationen, die aus dem Ghetto Theresienstadt nach Osten gingen, hebt sich gewissermaßen der Transport "Dx" vom 20. März 1944 ab. In den zeitgenössischen Materialien wurde dieser nämlich als einziger sog. psychiatrischer Transport geführt. Eine Besonderheit dieses Transports war auch die Zuteilung eines dänischen Staatsangehörigen, da diese ansonsten von den Deportationen aus Theresienstadt offiziell ausgenommen wurden. Laut den von der Ghettoverwaltung verbreiteten Informationen sollte Chelm das Ziel dieses Transports sein.
Im Laufe der Existenz des Ghettos Theresienstadt wurden auch reichsdeutsche jüdische Patienten dorthin abtransportiert, und zwar insbesondere aus der Anstalt in Bendorf-Sayn.
Durch die Deportation der psychiatrischen Patienten aus dem Protektorat ins Ghetto Theresienstadt und die anschließenden Transporte wurde deren "Frage" im Grunde restlos "gelöst". Es gab nur wenige Personen, die das Kriegsende überlebten. Meistens handelte es sich jüdische "Mischlinge" oder Juden aus "Mischehen".

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Dezentrale "Euthanasie" und "Aktion Brandt" im Reichsgau Sudetenland und Protektorat Böhmen und Mähren 1942–1945

Dietmar SCHULZE

Mit Hitlers Weisung zum Abbruch der Vergasungen von Anstaltsinsassen im Rahmen der "Aktion T4" war der Patientenmord keinesfalls beendet. Der Apparat blieb teilweise erhalten, um die Vernichtung "lebensunwerten Lebens" dezentral organisiert fortzusetzen. Die Kanzlei des Führers (KdF), die bei der "Aktion T4" federführend war, hatte durch Machtverschiebungen innerhalb des NS-Systems an Einfluß verloren und suchte deshalb Unterstützung und Hilfe bei aufsteigenden Institutionen bzw. Personen, z. B. bei Karl Brandt, der sich im Verlauf des Zweiten Weltkrieges zum "Reichskommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen" emporarbeiten konnte.
Der Zeitraum nach dem 24. August 1941 wird als dezentrale oder zweite Phase der "Euthanasie" bezeichnet. Bislang sind etwa 30–40 Heil- und Pflegeanstalten bekannt, die in die zweite Phase der "Euthanasie" eingebunden waren. Diese Anstalten lagen innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs, aber auch in den von Deutschland okkupierten Gebieten; im Reichsgau Sudetenland die Gau-Heil- und Pflegeanstalt Wiesengrund [Dobřany], im Protektorat Böhmen und Mähren die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Kosmanos [Kosmonosy].
Von der "Aktion T4" zur dezentralen "Euthanasie" führte allerdings kein geradliniger Weg. Der Anlass für Patientenverlegungen in beträchtlichem Umfang nach 1941 war die großflächige Zerstörung der Städte im Bombenkrieg. Psychisch Kranke und geistig Behinderte mussten weichen, um die Häuser, in denen sie bislang leben konnten, anderweitig nutzen zu können. Die Verlegungen führten meist in Anstalten, in denen nach dem Stopp der Gasmorde durch überdosierte Medikamente, Vernachlässigung der Pflege und Essensentzug getötet wurde. Für die zunächst katastrophenpolitisch motivierten Anstaltsräumungen zeichnete K. Brandt verantwortlich. Da neben Brandt weitere "Euthanasie"-Protagonisten eingebunden waren, die Gekrat, die auch die "T4"-Verlegungen durchgeführt hatte, die Patiententransporte organisierte und der Tod der Verlegten in ausgewählten Sterbeanstalten erfolgte, werden Sammeltransporte und Tod als "Aktion Brandt" bezeichnet. Trotz aller Kontinuitäten: Es existierte kein zentrales Mordprogramm mehr, wie in der Phase der "Aktion T4", als in eigens zum Gasmord umgerüsteten Anstalten Patienten eines gewaltsamen Todes starben.
Gleichwohl führten um die Mitte des Jahres 1943 Luftkrieg und massenhafte Verlegungen von Anstaltsbewohnern aber auch zu Versuchen, die "Euthanasieaktion" zu reinstitutionalisieren, was allerdings erfolglos blieb. Tötung durch "Hungerkost" und mangelnde Pflege im Rahmen der dezentralen "Euthanasie" stehen eher in einer bereits in der Vorkriegszeit begonnenen Tradition verminderter Betreuungsstandards als das sie als Zeichen einer erfolgreichen Reinstitutionalisierung gelten können. In den, der "Aktion T4" folgenden Phasen der "Euthanasie" nach August 1941 starben noch einmal mehr als 100.000 Anstaltsinsassen oder Heimbewohner eines unnatürlichen Todes.

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