Das Projekt

Erläuterungen zur deutsch-tschechischen Geschichte

Karte der ehemaligen ČSR
Der tschechische Landesteil der ČSR im Jahr 1918.

Die Tschechoslowakische Republik (ČSR) ging im Jahr 1918 aus der Konkursmasse der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie hervor. Der neue Staat umfaßte Böhmen und Mähren, österreichisch Schlesien, die Slowakei und Karpathoruthenien. Es war ein Vielvölkerstaat mit etwa 13 Millionen Einwohnern. In ihm lebten Tschechen und Slowaken, Deutsche, Ungarn, Ukrainer, Russen, Polen und Juden. Staatstragende Nationen waren die Tschechen und Slowaken ("tschechoslowakische Nation"). Der Anteil der deutschen Bevölkerung lag bei etwa einem Fünftel.

Die Deutschen im tschechischen Teil des Landes, ungefähr 2,5 bis 3 Millionen Menschen, wurden als "Sudetendeutsche" bezeichnet. Die Bezeichnung leitet sich von einem Gebirgszug ab. Die Sudeten erstrecken sich im tschechisch-polnischen Grenzgebiet zwischen Lausitzer Neiße im Nordwesten und Mährischer Pforte im Südosten. Als politischer Begriff wurde "sudetendeutsch" erstmals im Jahre 1903 verwendet. Als geographischer Begriff war er schon längere Zeit in Gebrauch. Zum politischen Kampfbegriff mutierte "sudetendeutsch" erst in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Karte des Deutschen Reichs 1938
Das Deutsche Reich um 1943.

Das Siedlungsgebiet der deutschen Bevölkerung im tschechischen Landesteil erstreckte sich nicht nur auf das Sudetengebirge. Deutsche lebten vielmehr entlang der gesamten tschechisch-deutschen und tschechisch-österreichischen Grenze und in den Sprachinseln – Prag (Praha), Brünn (Brno), Olmütz (Olomouc) und Iglau (Jihlava).

Die politische Lage der deutschen Volksgruppe in der neugegründeten ČSR hatte sich, verglichen mit den Zeiten der k.u.k. Monarchie, grundlegend geändert. Nachdem sie über Jahrhunderte die politisch bestimmende Bevölkerungsschicht gewesen war, fühlte sie sich im neuen Staat zurückgesetzt, zum Teil zu Recht, zum Teil zu Unrecht. Das Beharren auf nationalen Egoismen in beiden Lagern trug zur stetigen Verschärfung der Situation bei. Auf deutscher Seite gewann die radikal nationalistische Sudetendeutsche Partei (SdP) unter Konrad Henlein stetig an politischem Einfluss. Bei den tschechoslowakischen Parlamentswahlen des Jahres 1934 votierten rund 1,25 Millionen Wähler für SdP. Die SdP war jedoch nicht von Beginn an auf den Anschluss ans Deutsche Reich fixiert. Es gab einen Flügel, der ein Höchstmaß an sudetendeutscher Autonomie innerhalb der ČSR anstrebte, und einen, der auf Einverleibung in das nationalsozialistische Deutschland setzte. Letztlich errang der radikalere Flügel, der einen Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland favorisierte, die Oberhand.

Karte des "Reichsgau Sudetenland"
Tschechische Landesteile, die 1938 in das Deutsche Reich eingegliedert wurden.

Das Münchener Abkommen vom 29. September 1938 beschloss die Abtretung der deutsch besiedelten Randgebiete Böhmens und Mährens an das Deutsche Reich. Der größere Teil (22.500 km2 mit 3,16 Millionen Einwohnern) des umstrittenen Territoriums ging im neugeschaffenen Reichsgau Sudetenland auf. Kleinere Landesteile (6500 km2 mit 492.000 Einwohnern) wurden der Provinz Schlesien, dem Land Bayern sowie den Reichsgauen Niederdonau und Oberdonau zugeschlagen. Auch Polen und Ungarn verleibten sich Teile der ČSR ein. Polen annektierte das Olsa-Gebiet rings um die Stadt Teschen (Český Tĕšín), Ungarn erhielt durch Schiedsspruch südslowakische Gebiete, das sog. Oberland, zugesprochen. Ingesamt hatte die Tschechoslowakei rund ein Drittel ihrer Fläche abzutreten und auf ein Drittel ihrer Bevölkerung — nicht nur Deutsche, Ungarn und Polen, sondern auch nahezu eine Million Tschechen und Slowaken — zu verzichten. Es verblieb ein als Tschecho-Slowakei bezeichneter Rumpfstaat.

Nach der Ausrufung der slowakischen Unabhängigkeit am 14. März 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht unter Bruch des Münchener Abkommens in die tschechischen Landesteile ein. Aus der "Rest-Tschechei" wurde das Protektorat Böhmen und Mähren. Zwar existierte formal eine Protektoratsregierung, doch war deren Zuständigkeit begrenzt. Sie besaß keinerlei militärische Kompetenzen und durfte außenpolitisch nicht aktiv werden. Auch in puncto Zoll und Verkehr, Post- und Fernmeldewesen behielt sich die Reichsregierung in Berlin die unmittelbare Aufsicht vor. Befugnisse waren der Protektoratsregierung lediglich in weniger wichtigen Bereichen zugestanden worden, zum Beispiel im Gesundheitswesen.

Kurz nach der Errichtung des Protektorats wurde die Deutsche Zivilverwaltung, mit dem Amt des Reichsprotektors an ihrer Spitze, eingesetzt. Erster Reichsprotektor (1939–1941) war der frühere deutsche Innenminister, Konstantin Freiherr von Neurath mit Reinhard Heydrich, Leiter des RSHA, als Stellvertreter (1941–1942). Nach dem Attentat auf Heydrich wurde Kurt Daluege, der Chef der Ordnungspolizei als dessen Nachfolger eingesetzt (1942–1943). Als letzter Reichsprotektor (1943–1945) fungierte der langjährige Innenminister Wilhelm Frick, der auch für die Gesundheitsverwaltung zuständig war. Eine wichtige Rolle nahm zudem der Staatssekretär ein. Von 1939–1943 bekleidete der ehemalige Parteivorsitzende der SdP, Karl Hermann Frank (1898–1946), dieses Amt.
Das Amt des Reichsprotektors war in Abteilungen und Gruppen unterteilt. Diese Struktur blieb bis zu Heydrichs Verwaltungsreform im Frühjahr 1942 bestehen. Ziel der Reform war die Abschaffung des zweistufigen Charakters, mit der autonomen tschechischen und der Deutschen Protektoratsverwaltung. Tatsächlich sollte der deutsche Einfluss auf tschechische Behörden auf zentraler wie lokaler Ebene verstärkt werden. Daher wurden Deutsche mit großem Einfluss auf tschechische Befehlsempfänger in der tschechischen Verwaltung eingesetzt und tschechische Dienststellen der Reichsauftragsverwaltung beigestellt. 1943 wurde das "Deutsche Staatsministerium für Böhmen und Mähren" mit K. H. Frank an der Spitze eingesetzt.

Die Gesundheitsverwaltung während der Besetzung und des Krieges, 1939–1945: Reichsgau Sudetenland und Protektorat Böhmen und Mähren

Die Gesundheitsverwaltung im Reichsgau unterstand vorerst dem neu geschaffenen Amt für Volksgesundheit mit Sitz in Reichenberg/Liberec. Später wurde es dem Gesundheitsamt der Sudetendeutschen Gauselbstverwaltung unterstellt. An der Spitze dieser Behörde stand Dr. Karl Feitenhansl (1898–1952), der bis 1945 zudem Gauärzteführer war. Auf der mittleren Verwaltungsebene, die dem Regierungspräsidenten unterstand, wurden Gesundheitsverwaltungen in Aussig/Ústí n. L., Troppau/Opava, Eger/Cheb und Karlsbad eingerichtet. Am 1. Januar 1940 trat im Reichsgau Sudetenland die Gesundheitsgesetzgebung des Deutschen Reichs, inklusive des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, in Kraft.

Die Gesundheitsverwaltung, vor allem jene die deutsche Reichsbürger betraf, war innerhalb des Amtes des Reichsprotektors in der Unterabteilung 16 angesiedelt, die von 1939-1945 dem ehemaligen thüringischen Gesundheitsbeamten Dr. Fritz Plato unterstand. Bis 1941 hatte diese Unterabteilung eine Außenstelle in Brünn/Brno, die Dr. Johann Gerber leitete. Auf der untersten Ebene wurden Gesundheitsämter nach deutschem Vorbild eingeführt, die im Protektorat den Ämtern der Oberlandräte angegliedert waren. Bis 1942 war die Gesundheitsverwaltung im Protektorat an das Sozialministerium unter die Leitung des Juristen Dr. Vladislav Klumpar (1893–1979), angeschlossen. Wichtige Funktionen bei der Gesundheitspflege übernahmen zudem die Landesbehörden in Prag/Praha und Brünn/Brno. Das Sozialministerium wurde 1942 aufgelöst, die Kompetenzen in der Gesundheitsverwaltung gingen an das Innenministerium des Protektorats über. Dr. Fritz Plato wurde im Ministerium zum Generalreferenten berufen. Zeitgleich wurden aus der Unterabteilung 16 des Amtes des Reichsprotektors verschiedene Gruppen, inklusive jener für die Aufsicht der Pflegeanstalten, dem Innenministerium angeschlossen.